đ Zeigt her, woran ihr arbeitet!
Beim Prototype Fund erhalten viele Entwickler*innen erstmals die Möglichkeit, sich sechs Monate lang auf ihr Herzensprojekt zu konzentrieren. Was richtig produktiv sein kann, kann auch zu neuen Herausforderungen fĂŒhren: Wie koordiniert man eigentlich die eigene Arbeit, wenn einem keiner sagt, was man zu tun hat? Im Gastbeitrag stellt Katharina Rasch vom Projekt Trans-Europa-Planer einen Vorschlag vor, um mit der eigenen Zeit zu haushalten.
Ihr hattet eine tolle Projektidee und habt die Zusage fĂŒr den Prototype Fund bekommen. Ihr freut euch riesig und stĂŒrzt euch direkt in die Arbeit: Sechs Monate Zeit, los gehtâs!
Zu Beginn kommt ihr richtig schnell voran, ihr freut euch, bald eine erste Version mit euren Nutzer*innen ausprobieren zu können. Nur noch kurz Feature X, Y, Z fertigstellen, noch ein bisschen am Design feilen, und und und⊠Und dann, dann hakts, Feature Y ist viel schwieriger als erwartet, ihr kommt nicht weiter, und plötzlich sind 5 Monate um und mit einem anderen wichtigen Teil des Projektes habt ihr noch gar nicht angefangen.
Schluss damit! Wenn ihr euer Projekt niemandem zeigt, könnt ihr nicht wissen, ob ihr auf dem richtigen Weg seid, besteht immer das Risiko, sich im Kleinklein zu verfangen, in irgendeinem Detail zu vergraben und das groĂe Ganze aus dem Blick zu verlieren.
Deswegen: zeigt her, woran ihr arbeitet! Und zwar regelmĂ€Ăig. RegelmĂ€Ăig, das heiĂt jeden Freitag, oder jeden zweiten Montag oder wie es fĂŒr euch am besten passt. Und, ganz wichtig: Genau an diesem Tag legt ihr auch immer fest, was ihr beim nĂ€chsten Mal zeigen wollt. Damit erreicht ihr gleich zwei Ziele: Erstens fokussiert ihr euch mehr. In einem klar abgegrenzten Zeitraum konzentriert ihr euch auf einen bestimmten Aspekt eures Projektes. Zweitens schafft ihr euch regelmĂ€Ăig den Raum einen Blick aufs groĂe Ganze zu werfen und zu entscheiden, welcher Aspekt des Projektes als nĂ€chstes am Wichtigsten ist.
Die Strategie
Schritt 1:
Legt fest, was fĂŒr euch regelmĂ€Ăig bedeutet. FĂŒr mich als Einzelprojekt in Vollzeit hat sich âjeder Freitagâ bewĂ€hrt. Wenn ihr in Teilzeit oder in einem kleinen Team an eurem Projekt arbeitet, ist aber vielleicht ein Termin alle zwei Wochen sinnvoller. GröĂere AbstĂ€nde wĂŒrde ich nicht empfehlen, denn je lĂ€nger der Zeitraum ist, desto weniger scharf bleibt der Fokus und desto seltener die Chance den Fokus zu Ă€ndern.
Schritt 2:
Sucht euch eine Person, die sich fĂŒr euer Projekt interessiert und der ihr regelmĂ€Ăig euren Arbeitsfortschritt zeigen könnt und besprechen könnt, was als nĂ€chstes ansteht. Die Person braucht (in den meisten FĂ€llen) keinen technischen Hintergrund, aber darf gern auch mal kritische Fragen stellen. Es wĂ€re gut, wenn die Person pro Woche bzw. alle zwei Wochen circa eine halbe Stunde Zeit fĂŒr euch hat. Wenn nötig können sich auch mehrere Personen abwechseln. Bei Team-Projekten kann die Person auch ein Teammitglied sein, welches nicht so stark in die alltĂ€glichen Aufgaben eingebunden ist, besser ist aber immer jemand externes.
Schritt 3:
RegelmĂ€Ăig zeigt ihr dieser Person, was ihr seit dem letzten Mal geschafft habt. Und dann plant ihr gemeinsam, was ihr nĂ€chstes Mal zeigen wollt. Am besten habt ihr dafĂŒr bereits einen Vorschlag, aber seid auch bereit zuzuhören, wenn die Person findet, dass Anderes vielleicht aktuell eine höhere PrioritĂ€t hat.
Es ist wichtig, dass das Ziel klar formuliert ist. Ein paar Beispiele wÀren:
- Wir stellen 3 Beispielreisen (Berlin nach Prag/London/Venedig) auf einer Karte dar.
- Wir fĂŒhren 5 User Tests durch und stellen die Resultate strukturiert vor.
- Wir stellen eine Landing page fĂŒr das Projekt unter einer eigenen Domain online. Folgende Punkte sollen auf der Page abgedeckt sein: A, B, C.
Schritt 4:
Ihr setzt euer Ziel um. Und klar, da geht manchmal auch was schief und was ihr machen wolltet, ist in den ein/zwei Wochen doch nicht erreichbar. In dem Fall ist es am besten, wenn ihr versucht, schwierige Details wegzulassen, um trotzdem das grobe Ziel erreichen zu können. Beispielsweise könntet ihr erstmal ein paar Testdaten hardcoden, statt sie, wie geplant, aus einer Datenquelle zu scrapen. Oder die Landing Page hat dann doch erstmal nur Ăberschriften, aber noch keine Inhalte. Und wenn das immer noch nicht ausreicht, dann ist das auch nicht so schlimm, dann habt ihr zumindest gelernt, welche Schwierigkeiten es gibt und könnt bei der nĂ€chsten Planung besser einschĂ€tzen, was realistisch erreichbar ist.
Warum funktioniert das?
FĂŒr mich funktioniert diese Strategie aus mehreren GrĂŒnden:
- Ich will gern schaffen, was ich versprochen habe und es motiviert mich total, jede Woche etwas zeigen zu können.
- Ich habe einen klaren Fokus fĂŒr die Woche. Insbesondere habe ich an Montagen weniger Schwierigkeiten, zurĂŒck ins Projekt zu kommen.
- Falls ich mich doch mal tief in ein Detail vergrabe, werde ich spÀtestens am Freitag da rausgeholt und arbeite dann in der nÀchsten Woche lieber erstmal an etwas anderem.
- WĂ€hrend des gesamten Projektzeitraums behalte ich das groĂe Ganze im Blick. Und die externen Augen helfen mir, wenn nötig meinen Kurs zu korrigieren.
Und wem das jetzt alles sehr bekannt vorkam: Ja, die Strategie ist natĂŒrlich stark an Methoden aus der agilen Software-Entwicklung angelehnt, angepasst auf kleine Teams bzw. Einzelpersonen und mit extrem wenig Overhead. Ihr arbeitet in ein- oder zweiwöchigen Sprints, am Ende jedes Sprints gibt es eine Demo und die externe Person spielt euren Product Owner.
Probiertâs doch mal aus und beobachtet, was fĂŒr euch funktioniert und was nicht, und passt die Strategie entsprechend fĂŒr euch an. Wichtig bleibt nur: Zeigt her, woran ihr arbeitet!
Katharina Rasch arbeitet freiberuflich als Data Scientist und Software Developer in Berlin. In der 16. Runde des Prototype Fund entwickelte Katharina den Trans-Europa-Planer, um komplizierte Bahnreisen quer durch Europa einfacher planbar zu machen.